Meditation über ein biblisches Motiv...

[Vorwort zum Gemeindebrief, Dezember 2006]

Vor ein paar Wochen, an einem regnerischen Samstag fuhren mehrere Autos von Karlsruhe aus auf der Autobahn in Richtung Süden. Man traf sich in Neuweier, in der Nähe von Bühl, am Parkplatz vor der katholischen Kirche. Aus den Autos stiegen mehr als 30 Menschen, aus den beiden Christuskirchen-Gemeinden und aus den Chören.
Wir fuhren ein Stück in die Weinberge hinein, parkten die Autos und ließen uns dann von einem freundlichen Hobbywinzer erklären, wie man Trauben liest. Vorsichtig mit den scharfen und kräftigen Scheren! Immer erst ein paar Weinblätter entfernen, damit man besser sieht! Auf den Pilzbefall achten und alle Trauben aussortieren, die nach vergorenem Essig riechen! Kleine Kinder bekommen keine Scheren, die gehen nach oben in den Wald und sammeln Esskastanien. Die Erwachsenen verteilten sich an den Rebenreihen, zwei für jede Reihe. Und wer keine Reihe bekam, wurde als Träger eingeteilt, um die Eimer mit den dunkelroten, kleinen Trauben nach unten zu dem großen Bottich zu bringen. Ich probierte eine der Trauben, die süß und fruchtig schmeckten. Je länger der Tag dauerte, desto klarer wurde die Aussicht über die ganze Rheinebene, vom Straßburger Münster im Süden bis nach Rastatt im Norden. Langsam arbeiteten wir uns von oben nach unten, immer sorgfältig auf die Trauben achtend. Mit jeder neuen Reihe bildeten sich neue Teams. Wer wollte, machte eine kleine Pause. Die älteren Kinder schnitten so viele Trauben wie möglich. Sie wollten es unbedingt den Erwachsenen zeigen. Ich kam mit dem Winzer ins Gespräch, und er erzählte mir von seinen Sorgen über den Verfall der Erzeugerpreise.
Nach einer Weile verfärbten sich meine Hände rötlich, und sie klebten vom Zucker des Traubensaftes. Nach mehr als zwei Stunden begann der Rücken zu schmerzen. Nach mehr als drei Stunden waren alle Trauben gelesen, die vier Bottiche zur Kellerei gefahren. Ungefähr 1300 Kilo Trauben kamen zusammen. Und die hatten so viele Öchsle, dass es wahrscheinlich für einen Kabinett reicht. Die dreißig Weinbergarbeiter aus der Christuskirche saßen erschöpft auf Bierbänken, ließen sich Schnitzel mit Kartoffelsalat schmecken und probierten dazu Riesling, Müller-Thurgau und Spätburgunder.
Es war das erste Mal, dass ich bei einer Weinlese mitarbeiten konnte. Ich musste an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) denken.  Ein Weinbergbesitzer heuert Arbeiter für die Weinlese an. Am Abend zahlt er allen denselben Lohn, auch denen, die viel später mit der Arbeit angefangen haben.  Die, die mehr und länger gearbeitet haben, empfinden das als ungerecht. Und ich habe Verständnis dafür, seit ich aus eigener Anschauung weiß, wie hart und beschwerlich diese Arbeit sein muss. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit: Soll jeder nach seiner Leistung belohnt werden? Oder ist es gerade gerecht, dass jede Leistung denselben Lohn erhält? Der Weinbergbesitzer hatte mit allen Arbeitern dieselbe Lohnvereinbarung geschlossen: Weinlese bis zum Abend und als Entgelt dafür einen Silbergroschen.
Auch die Weinbergarbeiter der Christuskirche haben einen Vertrag mit dem Winzer aus Neuweier: Wir werden im nächsten Frühjahr den auf Flaschen gezogenen Wein erhalten und ihn mit einem Spendenaufschlag als Orgelwein verkaufen.

Herzlich
Ihr
Wolfgang Vögele

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